Vergangenheit: Mitte März – Ende Juni 2011

Mitte März diesen Jahres begann für mich das letzte Semester in meinem Bachelor-Studium. Im Vorfeld hatte ich mir schon klar gemacht, dass es anstrengend werden würde. Noch zwei Module, die binnen von sechs Wochen abgearbeitet werden sollten, später die Bachelorarbeit an sich.
Schon Ende März spürte ich, wie der Druck wuchs und ich mit meinen zwei Fächern vollkommen ausgelastet war. Durch die kurze Bearbeitungszeit musste alles schnell gehen. Es gab kaum Zeit, zu konsultieren. Es gab kaum Zeit, sich über Entwurf und Gestaltung Gedanken zu machen. Im wesentlichen gab es für nichts Zeit! Es musste abgearbeitet werden, schnell, auf den Punkt, abgeben, fertig. Bei einem der Projekte klappt das super, was auch an meiner Partnerin lag. Wir waren ein eingespieltes Team, es lief. Bei dem anderen Modul war es eine Katastrophe: Ich kannte die Dame kaum und wir redeten immerzu aneinander vorbei. Die Dozentin stockte die Anforderungen immer mehr auf. Die sechs Wochen reichten nicht, so dass wir noch drei Wochen dazu bekamen. Grundhaft nicht schlecht, nur ich wollte auch gern meine Bachelorarbeit anfangen. Ging aber nicht, sie wurde zurück gestellt und ich arbeite nur an dem einen Fach. Es musste fertig werden. Wurde es auch und bis heute kann ich mir nicht recht erklären, wie ich das geschafft habe.
Durch die Fertigstellung litt aber meine Bachelorarbeit. Schon im Zeitverzug bevor ich überhaupt angefangen hatte. Yeah! Ich machte mir Druck. Wollte eine gute Note, wollte mir beweisen das ich es kann. Es schritt nicht nur die Zeit fort, sondern auch meine Arbeit. Ich kam voran, schleppend, aber besser als nichts. Trotz allem war ich genervt und gestresst, machte mir Luft bei Loud. Bei allem motzte ich ihn an. Immer! Meist kam ich zur Tür herein, er begrüßte mich und ich schimpfte 20 Minuten auf ihn ein. Er stand bedröppelt da und wusste gar nicht was geschieht. Tja. So ist das, wenn ich gestresst bin.
Die Wochen bis zur Abgabe wurden weniger und mein Stressbarometer erreichte ungeahnte Höhen. Loud stachelte auch noch auf mich ein, was mich zusätzlich stresst. Täglich fragte er: „Wie weit bist Du denn jetzt?“. Ich informierte ihn über den aktuellen Stand der Dinge und durfte mir jeden Tag „Na, da haste aber noch ganz schön was zu tun!“ anhören. Danke. Das ist genau die Aufmunterung die ich in stressigen Situationen brauche.
Zu dem ganzen Hochschulstress kam auch das übliche Palaver: Selten war ich in meiner Studienstadt. War ich aber dort, warteten Verpflichtungen auf mich: Ich musste zu meinem Gremium und putzen, da sich der Staub mehrere Meter türmte und das bei meiner Hausstauballergie unschöne Nebenwirkungen hat. War ich nicht dort, sondern zu Hause, wurde ich von meinen Eltern wahlweise angepflaumt oder beansprucht. Sollte ich nicht aufräumen war ich damit beschäftigt meine Mutter zum einkaufen zu fahren. Kam ich dann zu Loud, stand dort zum dritten mal putzen auf dem Programm, die Wollmäuse vermehrten sich bei ihm in einer ungeheuerlichen Geschwindigkeit. Auch kochte ich oft, denn ich wollte dann doch etwas besseres essen als Tiefkühl-Pizza. Insgesamt überlastete mich das enorm.
All diese Sachen waren Alltäglichkeiten, wollten erledigt werden. Teilweise hatte ich kaum noch Zeit für meine Freunde, da ich abends todmüde ins Bett fiel. Deswegen maulte mich Loud oftmals auch an, weshalb ich denn schon wieder so müde wäre. Oder das ich nie etwas mit ihm und seinen Freunden unternähme. Dabei sah ich meine eigenen kaum! Hinzu kam der Dauer-Vorwurf: „Du interessierst Dich gar nicht für unsere Musik!“. Das sind Sachen, die ich wirklich gebrauchen kann, wenn ich vor Stress platze. Aber hey, passt schon.
Nachdem das ganze Chaos vorbei war merkte ich, dass ich in diesen Monaten versuchte hatte es allen Recht zu machen: Mir, in dem ich eine gute Arbeit ablieferte. Meinem Gremium, in dem ich voll mitarbeitete. Meinen Eltern, in dem ich ihre Wünsche erfüllte. Nur für Loud war kein richtiger Platz mehr. An seiner Zeit sparte ich. Er sagte einmal zu mir, ich würde mir für alles die Schuld geben. Jetzt kann ich sagen: Ja, habe ich. Weil ich alles machen wollte, perfekt sein, immer lächeln. Ich gab mir die Schuld, anstatt andern zu sagen, sie sollen mich in Ruhe lassen, ich kann keinen Stress gebrauchen.
Nun ja. Vorbei ist vorbei. Und einer der größten Stressfaktoren, Loud, ist auch verschwunden. Ich habe niemanden mehr, der mir sagt, dass ich aber noch ganz schön was zu tun habe und wie ich das denn alles schaffen wollte. Ich habe niemanden mehr, der mir vorwirft, dass ich nie etwas mit seinen Freunden unternehmen würde. Ich habe niemanden mehr, der mir sagt, ich interessiere mich nicht für seine Musik. Letzteres ist wieder ein eigenes Kapitel, dazu später einmal mehr.

Heute kann ich verstehen, dass Loud an mir verzweifelt ist. Aber eines kann ich nicht verstehen: Wieso hat er mir nicht geholfen? Ich finde es unfair, sich über jemanden aufzuregen, aber nichts zur Besserung der Situation beizutragen. Aber ich denke, er hat auch nicht gemerkt, dass er mir helfen könnte.
Er war in seinem Trott und ich in meinem Wahnsinn.

Schöne neun Stunden Wochenende noch
Neon

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Vergangenheit: Mai 2010 – 08.06.2011

Im Mai 2010 wurde ich in das höchste studentische Gremium unserer Hochschule gewählt. Ich wollte aus verschiedenen Gründen dahin, BAföG-Verlängerung und mich doch einmal engagieren. Nachdem die konstituierende Sitzung war, stand fest, dass ich dem Referat Kultur zugeordnet war und mich plötzlich auch noch als Referatsleiterin bezeichnen durfte. Vorteile brachte mir das keine, es gab keine Hierachie, viel mehr hatte es damit zu tun, dass mein Vorgänger, der das Referat drei Jahre leitete, bald aufhören wollte zu studieren.
Meine Wahl ins Gremium brachte auch für Loud Vorteile: An der Hochschule gibt es ein nicht allzu kleines Fest, ca. 2000 Besucher, und ich sagte ihm, durch meine Gremienarbeit könnte seine Band dort auftreten. Er freute sich sehr. Ein Auftritt, mal nicht in der Heimat und vor mehr als 500 Persönchen.
Anfang dieses Jahres begannen die Probleme. Ich erklärte meinem Referat, dass nur aus dem alten Hasen, einer mir nicht sehr wohlgesonnen Person und mir bestand, dass die Band dort haben wollte. Ich kannte sie, sie machen gute, qualitativ hochwertige Musik, haben was drauf. Ich war und bin von überzeugt, nur mein Referat war es nicht. Sie wollten keine Band unterstützen, die nur spielt, weil ich sie kenne. Sie fanden die Musik doof. Sie fanden eigentlich alles doof, was ich sagte.
So redete ich mich in den Wahnsinn. Über Monate hinweg. Loud sagte ich, ich schaffe das, ihr könnt dort spielen. Mehrmals wöchentlich redete ich auf mein Referat ein. Ich wollte diese Band! Sie wollten es nicht. Sprach ich mit dem Rest des Gremiums, hieß es: Klärt das unter euch. Danke.
Loud drängte immer mehr: Was wird denn nun? Ich musste ihm eingestehen, dass die beiden Herrschaften gegen die Band sind. Grundsätzlich, keine Widerrede. Er wurde wütend, dass ich mich nicht durchsetzte. Ich wäre doch die Leiterin, ich solle einfach einen Vertrag aufsetzen und schon wäre die Sache geritzt. Nur ich konnte nicht. Sollte ich mich über alle hinwegsetzen? Es hätte den Ausschluss aus dem Gremium bedeuten können. Das Risiko war mir zu hoch.
Woche für Woche wurde es schlimmer. Immer hieß es: Die Band wollen wir nicht! Loud sagte: Wir wollen da spielen! Innerlich war ich zerrissen, wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Selten fühlte ich mich so hilflos wie in diesem Moment. Ich hatte keine Lösung für das Problem.
Irgendwann wusste ich nicht mehr: Stelle ich mich wirklich so blöd an, das Loud immer genervter von mir wurde? Oder war die Situation einfach nur beschissen? Ich rief einen älteren Freund an. Er kennt uns beide. Und er beruhigte mich. Wenn alle gegen einen sind, kann man nicht einfach irgendwas durchsetzen. Loud hätte sich in dem Auftritt verrannt. Er war auch wie besessen. Er wollte dorthin! Dort! Und nur dort!
In ewigen Gesprächen gelang es mir, ihm klar zu machen, dass er leider dort nicht auftreten könne. Das die Leute ihn da nicht wollten. Aber noch immer hieß es: Du hast dich nicht durchgesetzt!
Später versuchte ich, bei anderen Festen anzuklingeln und sie dort unterzubringen. Viele kannte ich nicht, doch zwei waren es immerhin. Das eine war schon voll und das zweite, was ich ihm im wesentlichen schon zugesichert hatte, fand nicht statt. Und das, obwohl es ein Traditionsfest ist, und schon ca. 15 mal stattfand. Wieder war er enttäuscht von mir.
Über die Enttäuschung, dass ich ihm versprochen hatte, er kann dort auftreten und es dann nicht schaffte zu vermitteln, ist er nie hinweggekommen. Selbst nach dem Fest hieß es, ich kann mich nicht durchsetzen und ich sei unloyal. Zu einem Teil kann ich seine Wut verstehen, aber zum Teil auch nicht. Ich habe alles getan was ich konnte. Alles. Und dann mit Vorwürfen bestraft zu werden, ist nicht einfach. Zumal er seine ganze Wut und alle Schule bei mir parkte: Ich bin Schuld, dass sie nicht auftreten konnte. Ich, nur ich.
Bis heute ist dieser Riss nicht gekittet und dieses Ereignis wird mir immer hinterhergetragen. Immer.

Einen hoffentlich sonnigen Tag wünscht
Neon

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